
Uns sind die Implikationen neuer Technologien nicht egal. Es geht darum, Verständnis zu schaffen, Auswirkungen zu verstehen und nachhaltig und verantwortungsvoll zu handeln. Dazu gehört für uns auch, die eigene Bubble zu verlassen und einen Blick auf die Einflüsse von KI in anderen Branchen zu betrachten. Heute heißt das: Into the Arts.
Seit Kindestagen ist Lino Böttcher als Synchronsprecher tätig. Stranger Things, Billy the Kid oder auch Boruto, um einige seiner bekannteren Rollen zu nennen. Unter seinem Alias moblizz veröffentlicht Lino außerdem Musik. Gemeinsam haben die beiden Kunstformen nicht nur dessen Arbeit mit seiner Stimme – die dahinterstehenden Branchen stehen auch vor massiven Herausforderungen, spätestens seit GenAI. Wir haben uns mit Lino zusammengesetzt, um einen besseren Eindruck zu gewinnen, inwieweit Kunst und KI in Beziehungmiteinander stehen.
Moin Lino.
Moin.
Vorab zu dir, ganz simpel: Wer bist du, was machst du, warum sitzen wir hier?
Genau das, was du geschildert hast. Ich komme aus Hamburg, bin 24 Jahre alt und hier in einer Synchronsprecher-Familie großgeworden. Tatsächlich mache ich das schon von klein auf, seit ich circa fünf oder sechs Jahre alt bin.
Sechs Jahre laut Wikipedia.
Ja, ich glaube, so genau kann man das jetzt auch nicht mehr wissen (lacht). Aber es fing an mit kleinen Rollen in Kinderserien und mit der Zeit habe ich dann auch größere Projekte gemacht. Mittlerweile verfolge ich das hauptberuflich. Musik mache ich wie gesagt auch, alles selbst beigebracht mit Fruity Loops – und da habe ich auch noch viele Pläne. Einige Releases habe ich schon, möchte aber noch weitaus mehr rausbringen. So viel erstmal.
Künstlerisch umtriebig. Inwieweit bist du als Berufsperson aktuell von KI betroffen?
Ich bin ja Teil der kreativen Branche – und KI wird nun mal anhand von dieser trainiert, wie wir gesehen haben. In meinem Fall das Imitieren und Übersetzen von Stimmen, also. Die Firmen, die Filme, Serien und auch Werbung machen, betrachten KI als Möglichkeit Geld zu sparen, weil es billiger als Sprecher:innen ist. Unter anderem zumindest. Viele Dinge sind dadurch vereinfacht. Das ist ein lukratives Angebot – und je besser die KI wird, desto eher wird explizit auf diese zurückgegriffen, statt auf organische Stimmen.
Ich höre im Unterton, du bist KI nicht unbedingt angetan?
Ja, ich spreche da glaube ich nicht für mich alleine, sondern wahrscheinlich für gefühlt alle Sprecher:innen, die diesen Beruf ausführen. Wir alle erkennen ein Risiko und machen uns Sorgen, was mit unserem Job in der Zukunft passiert. Gleichzeitig sind einem etwas die Hände gebunden, ärgerlicherweise. Das Einzige, was wir tun können, ist der allgemeine Protest,die eigene Stimme erheben, hierauf aufmerksam machen – Leuten außerhalb der Branche mitzuteilen, dass hier Existenzen auf dem Spiel stehen. Selbstständige sind ja ohnehin eine vulnerable Gruppe.
Das ist natürlich als Berufsperson gesprochen. Wie verhält sich das bei dir als Privatperson: Prinzipieller Boykott, sodass du konsequent kein ChatGPT, Midjourney und dergleichen nutzt, oder ist das explizit die Perspektive als Synchronsprecher?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich KI bewusst nicht nutze. KI als Thema ist ein sehr vielfältiges Spektrum, auch mit massiven Anwendungsmöglichkeiten. Zum Beispiel wenn man etwas wissen möchte und man dafür auf eine Plattform wie ChatGPT zurückgreift, was eben diese ganzen Quellen aus dem Internet zusammenträgt und in eine umfangreiche Antwort verwandelt. Wenn auch nicht immer richtig, aber allgemein. Für Recherche und Sonstiges bietet es eben viele Lernmöglichkeiten. Andererseits, wenn es darum geht Content zu erstellen, oder vor allem Kunst damit zu generieren – das sehe ich schwierig. Da steckt keine Authentizität hinter. Und Kunst ist meiner Meinung nach nur dann wirklich Kunst, wenn es von einer realen Person entwickelt wurde. Ich weiß, man könnte jetzt auch sagen, dass Leute mit Hilfe von KI auch Kunst erschaffen können. Für mich gibt es dennoch den Punkt, dass das nicht hundertprozentig dein eigenes Werk ist. Da fehlt etwas.
„Die Seele“, schätze ich?
Genau da fehlt einfach ein bisschen die Seele. Und das ist das Thema, darum geht’s ja eigentlich.
Da kommen wir nochmal drauf zurück. Synchronsprechen tust du nun bereits seit gut 18 Jahren, wie gesagt. Ergo gibt es zwei Berufswelten, die wir diskutieren können. Natürlich die vor GenAI und die aktuelle. Wie sah denn der übliche Job im Synchronsprechen früher und gegenwärtig für dich aus? Gibt es da nennenswerte Veränderungen?
Ich würde nicht sagen, dass ich großartig anders arbeite. Die Frage ist, wie viel oder wie oft ich arbeite – ganz einfach dadurch, dass viele Studios weniger Produktionen reinkriegen, auch aufgrund von KI. Unter anderem haben wir Sprecher:innen dementsprechend weniger Jobs. Das ist natürlich ein Problem, weil für viele von uns ist das ja unsere Lebensversicherung – und wenn da kein Geld mehr fließt, wenn man keine Jobs mehr hat, stellt sich natürlich die Frage nach Beständigkeit; ob man das weitermachen kann. Wie gesagt, als selbstständige Person ist das ein gruseliger Gedanke. Doch um auf deine Frage zurückzukommen: Die Arbeit selbst ist eigentlich identisch. Man hält ja am Aufnehmen fest, nicht den Ersatz durch eine KI.
Zum Ersatz: Ich kann mir vorstellen, das könnte auch rechtliche Probleme ergeben, oder? Wenn einem Worte in den Mund gelegt werden, bestimmte Rollen vertraglich gebunden sind – dergleichen. Derlei Probleme beschrieb Erica Lindbeck im Zusammenhang mit ihrer Rolle als Futaba Sakura in Persona 5 zumindest, da ihre Stimme für bestimmte Memes recycled wurde. Etwas, das außerhalb ihrer Kontrolle lag.
Wie das genau bei ihr aussah, kann ich natürlich nicht beurteilen. Mir ist sowas noch nicht passiert, zum Glück. Wie das rechtlich genau aussieht, weiß ich nicht. Vielleicht ließe sich die eigene Stimme versichern oder so. Aber klar: Vor allem bei fremden Leuten – das fühlt sich an wie eine Form von Diebstahl. Klar. Es gibt aktuell aber auch Verträge mit KI-Klauseln, wo das Studio zumindest die Imitationsrechte hat und deine Stimme anhand der Aufnahmen recyclen kann. Das zumindest ist vertraglich geregelt, wenn man sich darauf einlässt, aber das will eigentlich nicht niemand. Und das machen ja nicht bloß Studios, das ist natürlich das Ding – von wegen Worte in den Mund legen. Theoretisch kann das jeder.
Eine unangenehme Vorstellung zu hören, was man nie gesagt hat?
Ich habe wie gesagt das Glück, dass mir so was noch nie passiert ist. Aber man hat da keine Macht drüber. Wenn irgendwelche fremden Leute das machen und das dann im Internet verbreitet wird oder dergleichen, da muss man nun mal ein offenes Auge haben. Vielleicht wurde meine Stimme schon nachgemacht oder zumindest eingespeist und ich weiß davon nichts. Ist ja alles schon passiert.
Imitationsrechte – theoretisch kann man eure Stimmen also unendlich replizieren und wiederverwenden? Steckt hier eine Gefahr für Ausbeutung?
Ja, und das Problem ist, dass man den Wert seiner Stimmarbeit verliert bis mindert, wenn man diese an eine KI gibt. Die KI kann Deine Stimme am Ende theoretisch in jedem anderen Kontext oder Produktion benutzen, ohne, dass du tatsächlich gesprochen hast. Du wirst nicht mehr gebraucht. Du verlierst einerseits Geld und, so witzig es auch klingt, deine Ehre als Sprecher:in damit so ein bisschen, weil das ist…
Künstlerischer Stolz.
Genau.
Du hast mit vielen großen Studios zusammengearbeitet, warst bei Produktionen von Netflix, etwa in Form von Stranger Things. Mass Effect ist auch keine kleine Sache, Billy the Kid ebenso wenig. Vor allem bei solchen größeren Produktionen gibt es doch bestimmt Qualitätsstandards, die dergleichen vorbeugen würden. Oder sind genau dieseStudios vielleicht anfällig dafür, derartige Klauseln zu stellen, weil sie mitunter die attraktivsten Aufträge stellen?
Das muss man eher auf die Kund:innen als die Synchronstudios beziehen. Wenn Netflix oder Amazon Prime und Co. ankommen und sagen: „Hey Leute, wir haben hier so ein KI-Modell und das funktioniert ganz gut und damit kannst du theoretisch auch die Originalschauspieler übersetzen mit den originalen Stimmen. Und das spart uns Zeit, spart uns Geld, das ist einfach und praktisch.“ Dann haben wir wie gesagt ein Problem, genauso wie die Synchronstudios, weshalb diese noch wenig darauf eingehen. Die sind von uns Sprecher:innen ja nicht weniger abhängig als von den Kund:innen.
Auf Instagram ging ein Clip viral, bei dem sich verschiedene deutsche Synchronsprecher:innen unter diesem Motto zusammenfanden: „Schützen wir die künstlerische, nicht die künstliche Intelligenz.“ Etwas, wo du dabei gewesen wärst, hätte man angefragt, oder wie beurteilst du das?
Werden wir wohl nie herausfinden (lacht). Spaß. Nee, unterstützt hätte ich das definitiv, weil ich wie gesagt auch wie eigentlich alle anderen Sprecher:innen der Meinung bin, dass KI unseren Beruf nehmen könnte oder sogar wird. Da stehe ich natürlich hinter. Wir müssen und wollen unseren Beruf schützen – und der beste Weg dafür ist Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und das hat diese Gruppe von Sprecher:innen eben mit der Aktion erreicht. Deswegen bin ich da auch froh drüber, dass sie diese Initiative ergriffen haben und auch generell diese Synchron-Influencer:innen miteinander mehr Aufmerksamkeit finden als allein. Grundsätzlich eine sehr gute Aktion, finde ich.
https://www.instagram.com/peterflechtner/reel/DHtT94Gojc4/
Ist das für das Publikum, die Zuschauer:innen und -hörer:innen, denn tatsächlich so wichtig, dass die Synchronisation menschgemacht ist, wenn eine KI das genauso gut machen könnte?
Ich sag mal so: Sehr viele schauen ihre Serien oder Filme gar nicht in der deutschen Synchronisation, sondern in der originalen Fassung. Aber diejenigen, die das nicht tun, legen da durchaus einen gewissen Wert drauf, weil wir in Deutschland das Synchronisieren immer als eine sehr seriöse Tätigkeit betrachtet und uns dementsprechend auch eine beachtliche Synchronkartei aufgebaut haben. Wir sind nun mal ein Land, wo Synchronisation einen Wert hat, weil wir da seit jeher qualitativ überzeugen konnten und können. Im Vergleich zu anderen Ländern nehmen wir das ernster, da spricht ja teils nur ein:e Sprecher:in über die Originalaudio drüber und das wars. Wir haben tausende von Sprecher:innen in Deutschland, die gute Arbeit leisten. Das sollte man aufrechterhalten, finde ich und ich glaube, das sieht das Publikum generell ähnlich.
Zumindest wenn man auf die Reaktionen auf den Instagram Post schaut, stimmt das absolut. Auch wenn das Schauen im Original der deutschen Synchronlandschaft nicht unbedingt hilft, zeigt sie ein Bedürfnis nach menschlicher Authentizität. Die könnt ihr schließlich bieten. Kann die KI das nicht?
Die wenigsten Leute würden sagen, dass sie Synchronisation konsequent schlecht finden – mit Ausnahmen. In den meisten Fällen wollen die Zuschauer ihre Englischkenntnisse erweitern oder dergleichen; aber unsere Arbeit ist nicht das Problem, da stecken Menschen dahinter. Das kann eine KI nicht, nein.
Das klingt alles recht negativ. Gibt es irgendeinen Nutzen, den die Synchronwelt aus beispielsweise GenAI ziehen könnte? Vielleicht für die Übersetzung des Skripts,allgemeine Korrekturen, irgendetwas hinter den Kulissen?
Ich bin ganz ehrlich: Stand jetzt gibt es nichts, wo die Synchronwelt und die hierin wirklich Arbeitenden KI wirklich brauchen würden. Für die Produktion zumindest steckt da kein Nutzen. Mal hypothetisch angenommen, als absurder Gedanke, die KI würde eine Stimme nachahmen und man verdient Geld an Lizenzen oder sowas: Uns geht es im Beruf darum, künstlerisch aktiv zu sein, nicht lizenzbasiert Geld zu verdienen. Ein Musiker beispielsweise möchte schließlich auch ein Lied machen, um damit seine Gefühle und seine Gedanken auszudrücken, nicht nur des Profits und Geldes wegen. Für mich aber ist die Kunstform als solche wichtig und dass die erhalten bleibt.
Ist das eine Angst von dir: Eine Welt, in der Künstler:innen nicht mehr gebraucht werden und all die Medien, die wir konsumieren, von Maschinen erstellt wurden?
Wir als Menschen sind abhängig von der Kunst. Seitdem wir denken können, gibt es Kunst. Kunst ist Ventil, um unsere eigenen Gefühle und Gedanken auszudrücken. Das kann man gar nicht ersetzen.
Wenn Kunst ein Teil der Menschheit ist, ist Kunst dann auch ein Allgemeinrecht, wo jeder befugt ist, diese zu kreieren?
Ich glaube, Kunst ist für alle da – egal in welcher Form. Ich hoffe bloß, dass diejenigen, die sich in der Kunst probieren möchten, sich auch ehrlich an dieser probieren, wie Künstler:innen es auch tun. Das ist Übungssache und Übung braucht Zeit.
Also lieber ein schlechtes Kunstwerk, das menschengemacht ist, als etwas qualitativ Hochwertiges, das maschinengeneriert ist?
Ja, finde ich fair. Es kommt zumindest von Herzen.
Abschließende Gedanken zum Thema?
Nutz die KI gerne in anderen Wegen, aber nicht, um die Kunst damit kaputt zu machen. Schützt sie davor – und mit Kunst meine ich auch Werbung, alles wirklich Menschenerstelle; alles was gerade in Gefahr ist und ausstirbt. Jedwede Kreativarbeit. Da geht es immer auch um Existenzen und das sollte man bei aller Neuerung nicht vergessen.
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