„Wenn ein kleines Rädchen das Getriebe verlässt…”


Als Kunde von Apple wird einem mit ständig wechselnden Adaptern für die neusten Geräte und den damit verbundenen Kosten so einiges zugemutet. Trotzdem übt dieses Unternehmen eine Anziehungskraft wie wenige andere Unternehmen aus. Sind die Produkte von Apple technologisch so viel besser als der Wettbewerb? Vermutlich nicht, aber sie kombinieren Technik mit Nutzerfreundlichkeit, Handling und Design – und nicht zuletzt auch einem großartigen Kundenservice!

Die Schar der Jünger pilgert regelrecht in die Tempel des angebissenen Apfels und streichelt die Produkte wie andere eine Perlenkette beim Juwelier. Gibt es ein Problem, dann ist der ausgeklügelte Service von Apple sofort zur Stelle und kümmert sich direkt um dein Anliegen.

Samstag - 18:15 Uhr - Apple Store in Hamburg

Als ich mein MacBook zur Reparatur bringen wollte, musste ich mich vor den heiligen Hallen geordnet in eine Schlange stellen, meine Daten wurden abgeglichen, die Temperatur gemessen und zum Desinfizieren der Hände wurde ich nicht nur ermuntert, sondern aufgefordert.

Drinnen angekommen, fingen um mich herum alle Apple Mitarbeiter an zu klatschen. Völlig irritiert frage ich meinen Verkaufsberater, was denn los sei, ob ich der 1.000 Kunde des Tages sei. Er lächelte mich nur an und sagte, dass der Applaus nicht mir gelten würde, sondern einer Kollegin, die das Unternehmen heute verlassen würde. Ich drehte mich um und sah, wie eine Mitarbeiterin mit Tränen in den Augen an den im Spalier stehenden Kolleg*innen entlang ging, mehrere in den Arm nahm und sich von ihnen verabschiedete. Genau wie ich, schauten mehrere Kunden irritiert und verdutzt diesem Treiben zu. Der Verkauf ruhte, Fragen wurden nicht beantwortet, Produkte nicht weiter erklärt – der Fokus lag in diesem Moment ganz klar auf der Mitarbeiterin.

Im ersten Moment dachte ich mir: „Was für ein übertriebener Zirkus“ und konzentrierte mich wieder auf meinen Laptop und die anstehende Reparatur. Auf dem Weg zum Parkhaus ließ mich die Szene jedoch nicht mehr los.

  • Warum wird in aller Öffentlichkeit geklatscht, wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt?

  • Wieso ist in dem Moment der Mitarbeiter wichtiger als die Kunden im Laden?

  • Weshalb hat es mich zwar irritiert aber in keiner Weise gestört?

Klar, kennen wir auch die Verabschiedungszeremonien von Kollegen aus anderen Unternehmen: einen Kuchen, ein paar Worte der Dankbarkeit, vielleicht eine Rundmail. Aber bisher habe ich es noch nicht erlebt, dass jemand in der Öffentlichkeit mit Klatschen verabschiedet wurde.

Was also soll dieser „Apple-Kult“ aussagen...? Ein paar Gedanken dazu:

1) Dankbarkeit Der Mitarbeiter hat vielleicht mehrere Jahre seine ganze Arbeitsenergie dem Unternehmen zur Verfügung gestellt/gewidmet. Das Klatschen zollt somit Respekt und die Dankbarkeit für die Leistung und Einsatz der Vergangenheit.

2) Motivation

Vielleicht geht es gar nicht um die Person, die das Unternehmen verlässt, sondern das Klatschen soll eine Motivation für die verbleibende Belegschaft sein. Beim Anblick der Kolleg*innen, die klatschen, fühlt sich der ein oder andere vielleicht doch hingerissen, mehr Positives als Negatives beim Arbeitgeber zu sehen.

3) Teil von etwas GROSSEM

Selbst wenn du gehst – du bleibst ein Teil der Apple Familie!

4) Marketing

Durch das öffentliche Zeremoniell bekommt das Ganze auch einen Marketing-Touch. Die Kunden von Apple sind bekannt dafür, dass sie die Produkte vergöttern und bereit sind, einen höheren Preis zu zahlen. Durch die Teilnahme an dieser Zeremonie fühlt man sich Apple noch näher, als ob einen der verlassende Mitarbeiter über Jahre exklusiv persönlich bedient hat.

Aber was hat mich eigentlich an dem Geklatsche fasziniert?

Alle sind, ohne eine erkennbare große Ansage in das Klatschen eingestimmt. Das kleine Rädchen, das das Getriebe verlässt, wird unabhängig von dem Grund des Verlassens gewürdigt - und zwar ÖFFENTLICH! Nicht irgendwo im Verborgenen, sondern direkt vor den Kunden. Das Unternehmen zollt, durch all die anderen anwesenden Mitarbeiter*innen, Anerkennung für die Leistung und Einsatz. Für mich zeugt dies von einer unglaublich starken Firmenkultur und ich stelle mir die Frage „Was können wir von einer solchen Kultur lernen und wie können wir die Kultur in kleinen Schritten ausprägen?“

Der Autor ist seit Jahren ein nicht immer vollkommen zufriedener Kunde von Apple. 😉


Autor: Martin Orthen