"Ent-körperlichung" bei der virtuellen Zusammenarbeit





Dr. Andrea Sibylle Claussen beschreibt in ihrem Beitrag „Die Natur guter Führung in digitalen Zeiten“, der in der Coronazeit entstanden ist, einen spannenden Ansatz, der uns nicht mehr losgelassen hat:

„Bei der „Ent-körperlichung“ handelt es sich um einen Zustand des Ungleichgewichts: Das Denken, das Tempo der Informationsverarbeitung, der virtuellen Kontakte verdrängt das sinnliche Erleben von Kontakt: der Weg zur Arbeit, das Treffen auch der nervigsten Kollegen an der Kaffeemaschine, das Spüren des Windes auf dem Fahrrad, der Ellenbogen des Nachbarn in der S-Bahn, ein intensiver Augenkontakt oder Händedruck – alles derzeit nicht oder kaum möglich.“


Virtuell arbeitend und den ganzen Tag vor dem Bildschirm blickend hocken wir also im Epizentrum der Bedrohung der seelischen und psychischen Gesundheit – und fühlen uns persönlich doch so gar nicht betroffen. Nach dem Motto „ja, das betrifft andere, aber mich doch nicht“ - woran liegt das?


Zu einem Teil sicherlich daran, dass wir motiviert, lernwillig und körperlich gesund sind und uns in unseren wertschätzenden sozialen Umfeldern gut aufgehoben fühlen. Ein anderer Teil ist vermutlich unserer Führungskultur, flexiblen Arbeitszeiten und starker Eigenverantwortung geschuldet. Dabei ist jede:r aufgefordert, seinen:ihren Terminkalender so zu managen, dass er:sie Platz für Spaziergänge, frische Luft und Momente mit der Familie zulässt.


Platz für körperliche Erfahrungen eben.


Trotzdem sollten wir uns keinen Illusionen hingeben und glauben, das Thema ginge uns nicht alle an. Wir tragen dabei nicht nur die Verantwortung für uns selber, sondern auch auf unsere Kolleg:innen aber auch unsere Ansprechpartner:innen beim Kunden zu achten. Dazu gehört, hinzuhören und aufmerksam zu beobachten und daraus Maßnahmen zu ziehen: Aus Rücksichtnahme hilft es manchmal allein schon, die Kaffeepause beim Workshop um 10 Minuten zu verlängern, so dass der Espresso nicht kochend heiß die Kehle runtergejagt werden muss, „um wieder leistungsfähig zu machen“ oder auch bei gutem Wetter die Termine nach 17:00 Uhr mal abzusagen und sich stattdessen auf ein Rhabarberschorle an der Alster zu treffen.


Wir freuen uns riesig mit jeder Öffnung und Lockerung, die von Dr. Claussen angesprochenen „sinnlichen Erlebnisse“ wieder erleben zu können, statt dauerhaft 10 Stunden vor dem Laptop zu sitzen und nur für die Versorgung des Körpers den Schreibtisch zu verlassen.



Wir haben die Kolleg:innen mal gefragt, welche „körperlich-sinnlichen Erlebnisse“ ihnen eigentlich am meisten gefehlt haben in der Coronazeit:





Anne:

Morgens auf dem Weg ins Büro meinen Bananenmilchshake in der U-Bahn zu trinken. Ich vermisse es, Personen mit einem klar erkennbaren Lächeln ein gutes Gefühl zu geben, in diversen Situationen (aufgrund der Maske nicht so einfach). 




Lena:

Herzliche, feste aber vor allem unbesorgte Umarmungen. Aufgeschürfte Knie vom Volleyballspielen und das bedenkenlose Abklatschen bei Sieg wie Niederlage. Die Morgensonne im Gesicht auf der Radtour ins Büro, über dem Kopf die kreischenden Möwen.



Lara:

Als Corona-Job-Einsteigerin konnte ich viele der Momente, von denen die anderen Birchies erzählen, noch nicht erleben: Vom gemeinsamen Segeln als Team auf der Alster, zusammen über den Bahnhof zu sprinten, um den Anschlusszug zu bekommen oder auch die morgendliche Umarmung zur Begrüßung – ich kann mir vorstellen, das wird nochmal eine ganz andere Energie und

Motivation freisetzen.