Chinas Digitalisierungsdrache spreizt die Flügel



Fast täglich begegnen uns Wörter wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder 5G in den deutschen Medien: sei es bei der Vorstellung der Industriestrategie 2030 durch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Anfang Februar auf dem Digitalgipfel in Nürnberg, sei es in den täglichen Spionage-Vorwürfen gegenüber dem chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei oder bei dem erneut verzögerten Digitalpakt zwischen Bund und Ländern. Die Industrie 4.0, die Digitalisierung der Industrie, betrifft immer mehr Lebensbereiche.  


Werfen wir einen konkreteren Blick auf Deutschland: Seit vielen Jahren schafft es die Bundesrepublik zum Exportweltmeister. Mit knapp einem Viertel an der Bruttowertschöpfung ist die Industrie wesentlicher Träger der deutschen Stärke im internationalen Wettbewerb. Der Vorsprung, den Deutschland in Qualität und Technik gegenüber anderen Ländern hat, schmilzt jedoch immer mehr, und auch der Abstand zu den führenden Ländern in den Bereichen der Künstlichen Intelligenz oder autonomen Fahren wird immer größer. 


Gerade die Autoindustrie, das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft, steht an einem Wendepunkt. Der Bereich des autonomen Fahrens gilt als Juwel im Bereich der Künstlichen Intelligenz und Firmen wie Googles Waymo werden Marktwerte von bis zu 250 Mrd. USD prognostiziert. Deutschland ist in diesem vielversprechenden Markt bereits ins Hintertreffen geraten. US-Firmen wie Waymo, Uber, General Motors oder Tesla sind den deutschen Autobauern um einiges voraus. Der Autonomous Vehicles Readiness Index (AVRI), eine Analyse, die die Vorbereitung der Staaten auf autonomes Fahren misst, weist aus, dass Deutschland im Vergleich zu 2018 um zwei Plätze auf den achten Platz zurückgefallen ist. Die USA liegen auf dem vierten Platz hinter den Niederlanden, Singapur und Neueinsteiger Norwegen. 


Auffällig weit hinten liegt China in diesem Ranking. Es rutschte um vier Plätze auf Rang 20 ab. Doch lassen Sie sich davon nicht täuschen. Die erreichte Gesamtpunktzahl Chinas ist im Vergleich zum Vorjahr um knapp 3,5% höher. Zum Vergleich: Deutschlands Punktzahl ist um 4,8% gesunken, Niederlande hat um 6,9% schlechter abgeschnitten, die USA um 5,6%. Der Abstand zwischen China, den USA und Deutschland ist weiterhin vorhanden, er wird aber kleiner. Kein Wunder, denn chinesische Firmen wie Pony.ai oder Tencent haben große Ambitionen das Rennen um autonomes Fahren für sich zu entscheiden. 


Anders sieht es bei Telekommunikationsdienstleistungen aus. Während es in Deutschland noch immer kein flächendeckendes 4G-Netz gibt und man im EU-Vergleich mit Ländern wie Albanien hinterherhinkt, ist China schon drei Schritte weiter. Nachdem auf dem Guangzhou Baiyun Airport bereits 5G verfügbar ist, wurde nun auf dem Gelände der Shenyang Aviation Base eine weitere 5G-Station eingerichtet. Hier werden Drohnen getestet, die in Echtzeit 4k-Aufnahmen übertragen. Bis zum Ende des Jahres soll zudem Shanghais Hongqiao-Bahnhof, der größte Bahnhof Asiens, mit Huaweis neuester 5G-Technik ausgestattet werden. Der Westen sträubt sich jedoch noch vor der fortgeschrittenen Technologie aus China. Immer wieder werden Behauptungen über Spionageversuche durch Chinas kommunistische Partei in den Raum geworfen. Ob dies der Wahrheit entspricht oder marktpolitisches Kalkül seitens der USA ist, lässt sich bis jetzt nicht sagen. 


Und auch in Sachen Mobile Payment ist uns Fernost mehr als ein gutes Stück voraus.


Die deutsche Markteinführung von Apple Pay im Dezember 2018 wurde zwar groß beachtet, doch wirklich eingeschlagen hat diese Neuerung bisher nicht. Circa 100.000 Nutzer, 90% davon männlich, hat Apple Pay bisher in Deutschland. Der Trend des Mobile Payment, falls man ihn noch so bezeichnen kann, startet bisher nicht durch. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sich bisher keine große deutsche Firma damit ernsthaft auseinandersetzt. Den Chinesen kann es gut und gerne egal sein. Alibabas Alipay hat laut eigenen Angaben im Januar die Marke von einer Milliarde aktiven User weltweit gebrochen und auch Tencents Wechat Pay liegt mit über 800 Millionen aktiven Usern nicht allzu weit dahinter. Und die Zahlen steigen. Mitte Februar wurde die britische Payment Company WorldFirst durch Alibabas Tochtergesellschaft Ant Financial für 700 Millionen US$ aufgekauft. Die Übernahme gilt als clever, sie bedeutet einen Riesenschritt in den europäischen Markt. 


Vielleicht setzt sich Mobile Payment ja doch noch in Deutschland und Europa durch. Die Chinesen stehen auf jeden Fall mit mindestens einem fertigen Produkt vor der Tür und warten.

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